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LAUTES DENKEN LEICHT GEMACHT
02/17/12 | Ireen Weise

Beim "lauten Denken" (englisch: Thinking Aloud) handelt es sich um eine Methode, die vor allem in Usability-Tests Anwendung findet. Dabei wird der Interviewte gebeten, seine Gedanken während des Ausprobierens der Software und dem Lösen der ihm gestellten Aufgaben zu verbalisieren. Voraussetzung für die Verwendung dieser Methode ist eine Anwendung oder ein funktionsfähiger Prototyp, damit der Interviewte selbstständig Aufgaben durchführenden kann. Der Interviewpartner wird dann zu Beginn des Tests gebeten, alles auszusprechen, was ihm während der Bearbeitung der Aufgaben durch den Kopf geht.

Dabei kann es hilfreich sein, eine einführende Übung mit dem Interviewpartner durchzuführen, damit dieser die Grundprinzipien des lauten Denkens verinnerlicht. Zusätzlich kann der Moderator das laute Denken mithilfe verschiedener Techniken fördern, indem er entweder moderierende Nachfragen stellt oder Aussagen des Interviewten wiederholt. Dadurch hat der Interviewpartner eher das Gefühl eines Dialoges statt eines von ihm einseitig geführten Monologes.

NACHFRAGEN

Wenn der Interviewpartner lange schweigt oder unschlüssig erscheint, kann er durch Nachfragen zum Weitersprechen ermuntert werden. Konzentrieren Sie sich dabei aber immer auf die Aufgaben (statt auf die Funktionen): statt "Wie finden Sie diese Hilfefunktion?" besser "Hat Sie die Hilfe bei der Lösung der Aufgabe unterstützt?". Unterstellen Sie dem Anwender nicht zu früh, dass er steckengeblieben ist und fragen Sie lieber "Was wollen Sie jetzt gerade tun?" (statt "Was haben Sie für ein Problem?").

Gute und hilfreiche Nachfragen sind beispielsweise:


  • "Was ist Ihr Ziel?"

  • "Was erwarten Sie, was im nächsten Schritt passiert?"

  • "Worüber denken Sie gerade nach?"

  • "Wie gehen Sie weiter vor?"

  • "Was wollen Sie hier erreichen?"


Manchmal reicht es dabei schon aus, ein Statement zu beginnen und mit einem Fragezeichen ausklingen lassen. Der Interviewteilnehmer kann dann den Faden aufgreifen und den Satz beenden. Z.B. "Und Sie erwarten hier…?"

WIEDERHOLEN

Eine andere Technik besteht darin, das Gesagte in ähnlichen Worten noch einmal als Frage zu formulieren. Dabei ist es wichtig, den Interviewten nicht durch eigene Interpretationen zu verwirren: Ein "Das hätte ich nicht erwartet." des Interviewten sollte der Moderator nicht in ein "Das plötzliche Pop-up hat Sie gestört?" übersetzen. Manchmal reicht es schon aus, bestätigende Laute ("Mhmm.") zu äußern.

VOR- UND NACHTEILE

Mithilfe der Methode des lauten Denkens können die Gedankengänge des Interviewten, seine subjektiven Eindrücke und Wahrnehmungen besser nachvollzogen werden. So können auch falsche Erwartungen und Missverständnisse des Anwenders frühzeitig erkannt werden. Ein interessanter Nebeneffekt: Man lernt viel über die Sprache des Anwenders, die Begriffe, die er kennt und wie er sie verwendet. Dementsprechend können später bspw. auch Zielgruppenansprache und Texte angepasst werden. Wird die Methode während eines ohnehin stattfindenden Usability-Tests stattgeführt, dann bringt sie keinen weiteren Aufwand mit sich, ist preisgünstig und kommt ohne spezielles Equipment aus.

Ein Nachteil des lauten Denkens ist die unnatürliche Situation, da die wenigsten Menschen im Alltag die ganze Zeit ihr Tun kommentieren. Zusätzlich besteht das Risiko, dass der Interviewpartner seine Aussagen danach filtert, was der Moderator seiner Meinung nach erwartet (Effekt der sozialen Erwünschtheit, nähere Erläuterungen dazu im Blogbeitrag "Fehlerquellen im User Research - Teil 1" oder die Nachfragen des Moderators Wahrnehmung und Antworten des Interviewten beeinflussen (siehe Effekte durch Fragenformulierung im Blogbeitrag "Fehlerquellen im User Research - Teil 2". Außerdem ist zu beachten, dass das laute Denken nicht zu detaillierten Statistiken führt. Im Gegenteil: Messwerte (z.B. die Zeit für die Durchführung der Aufgabe) können dadurch verfälscht werden, dass die Interviewteilnehmer gleichzeitig laut denken.

FAZIT & ALTERNATIVEN

Insgesamt ist das laute Denken eine wunderbare Ergänzung für die Beobachtung im Usability-Test. Sie sollte jedoch nur eingesetzt werden, wenn der Usability-Test explorativen Charakter hat und keine für Vergleiche zur Verfügung stehenden Zeiten erhoben werden sollen.

Als Alternative stehen retrospektive oder kooperative Methoden zur Verfügung: Bei einem retrospektiven Vorgehen führt der Teilnehmer die Aufgaben ohne lautes Denken und Nachfragen durch. Danach werden für den Moderator prägnante Szenen noch einmal durchgesprochen. Idealerweise wird diese retrospektive Betrachtung durch ein Abspielen der Videoaufzeichnung unterstützt. Der Vorteil dabei ist die ungestörte Aufgabendurchführung; von Nachteil ist der hohe Zeitaufwand für die nachgelagerte zusätzliche Ansicht der Aufzeichnungen und die Möglichkeit, dass der Interviewte sein Vorgehen im Nachhinein anders begründet, als er es während der Aufgabe tatsächlich empfunden hat.

Bei kooperativen Methoden führt der Teilnehmer die Aufgaben in Zusammenarbeit mit einem zweiten Teilnehmer oder dem Moderator durch. Dadurch entsteht für die Teilnehmer eine natürlichere Situation von Dialog und Diskussion; je nach Teilnehmer kann die Diskussion dann jedoch einseitig geführt und die Ergebnisse verfälscht werden.