zurück zu Blog-Übersicht
Produkte im Test - Livescribe PulseTM Smartpen
Ausgangslage
Qualitativer Research bringt es mit sich, dass man im Verlauf von Interviews oder Gruppendiskussionen schnell viel mitschreiben und ein entsprechendes Audio aufzeichnen möchte. Idealerweise wird beides in Form eines Gerätes unterstützt und, wenn wir es uns wünschen könnten, dann hätten wir gern einen Stift, der gleichzeitig ein Audio aufzeichnet, nach dem Interview unsere Mitschriften in digitalen Text umwandelt und das alles noch mit dem Audio verknüpft. Eine entsprechende Suche im Internet führte uns zu dem Livescribe PulseTM Smartpen, den wir daraufhin einem ausführlichen Test unterzogen.
Nach dem Auspacken
Auf dem ersten Blick sieht der Inhalt des Paketes zum Smartpen recht umfangreich aus: Ein 100-seitiges Notizbuch mit Punktpapier, ein Headset, eine USB-Ladestation, eine Schutzhülle, ein interaktives Handbuch zur Einführung und zwei kleine Tintenminen. Auf dem zweiten Blick vermisst man eine Kappe, die man auf die Mine setzen kann, denn die Schutzhülle ist innen gepolstert und man befürchtet sofort, dass die kostbare Tinte aus der Mine gesaugt werden könnte. - So groß ist die Mine schließlich nicht. (Die erste Mine war tatsächlich schon auf Seite 82 des lediglich A5-großen Notizbuches alle.)
Außerdem fehlt eine Tasche, um alle notwendigen Materialien für die Reise zu einem Interview einzupacken: den Stift in seiner Schutzhülle, die kleine Ersatzmine, die USB-Ladestation. Bei einem Preis von immerhin 169 Euro will man den Stift mit seinem Zubehör schließlich nicht in der Laptoptasche suchen müssen.
Die Ersteinrichtung
Das interaktive Handbuch führt den Benutzer durch die erste Konfiguration des Smartpen (u.a. die Einstellung, ob man Rechts- oder Linkshänder ist, das Datum etc.) und die ersten eigenen Notizen. Um diese dann auf den Rechner zu bekommen, muss Livescribe Desktop installiert werden - allerdings nicht von CD sondern von der Webseite. Beim ersten Andocken hat der Smartpen dann trotzdem noch mit umfangreichen Installationspaketen zu kämpfen, deren Zweck dem Anwender nicht näher erläutert wird.
In den Interviews
Ganz aufgeregt sitzt man dann endlich im ersten Interview, das neue Notizbuch aufgeklappt und den Smartpen gezückt. Fängt der Interviewte an zu sprechen, hat man den Smartpen hoffentlich schon eingeschaltet, denn die Startsequenz benötigt einige Sekunden. Dann muss man nur noch am unteren Papierrand mit dem Stift auf "Record" tippen und schon fragt man sich, warum sich der "Button" eigentlich ganz unten befindet, wo ich die Audioaufnahme doch vermutlich gleich am Seitenanfang starten möchte.
Einige Seiten später wird das Interview unterbrochen und - wie man es sonst bei seinem Diktiergerät gewöhnt ist - will man auf "Pause" drücken, doch leider befinden sich die entsprechenden "Buttons" im Notizbuch nur auf jeder zweiten Seite, nämlich auf den ungeraden. Auf den geraden Seiten befinden sich "Buttons" zur Wiedergabe des Audios und zur Einstellung von Wiedergabegeschwindigkeit und -lautstärke, die man im Interview vermutlich kaum benötigen wird. Fortan sitzt man daher mit dem vollständig aufgeklappten Notizbuch da, um schnell auch zu "Record", "Pause", "Stopp" und v.a. zu der "Bookmark"-Funktion zu gelangen, die sich - natürlich - ebenfalls nur auf jeder zweiten Seite befindet. Mit dieser kann man sich besonders interessante Momente "markieren", um später - am eigenen Rechner - schneller an die entsprechende Stelle des Audios springen zu können.
Dauert das Interview länger als 60 Minuten, dann wird der man langsam unruhig, denn die Hand beginnt zunehmend zu schmerzen, da der Smartpen nicht wirklich ergonomisch ist: Die fehlende Griffmulde und das auf Dauer doch recht große Gewicht des Smartpens sind gerade bei den im qualitativen Research notwendigen langen Mitschriften eine starke Belastung.
Fragt man sich im Interview, wie lange die Batterie des Stiftes eigentlich hält, so hat man leider keine Mög-lichkeit das schnell am Smartpen zu sehen: Die Abfrage des Batterie-Status befindet sich auf den inneren Umschlagseiten des Notizbuches und kann nur durch Umherblättern gefunden werden. Gleiches gilt übrigens für die aktuelle Speicherkapazität des Smartpens. Glücklicherweise hält der Akku des Smartpens erstaunlich lange und auf einem 4 GB Smartpen haben auch mehrere lange Interviews Platz. Man sollte jedoch besser nicht die 1 GB-Variante kaufen, da einige MBs an Speicherplatz bereits durch Tutorials und Ähnliches belegt sind.
Nach den Interviews
Sind die Interviews vorbei, werden die Notizen und Audios automatisch beim Andocken des Smartpens auf den Rechner übertragen. Gibt es zu einer Notiz auch ein Audio, dann ist die Schrift grün statt grau; die Notizen können durchsucht werden und beim Klick auf den Text wird das Audio von diesem Zeitpunkt abgespielt.
Soweit so gut, nur dass niemand außer mir meine Schrift später lesen kann und diese daher in "echten" Text umgewandelt werden soll. Leider findet man im Livescribe Desktop keine entsprechende Funktion und erkennt nach einem gezielten Blick in das mitgelieferte Heftchen "Tipps und Tricks", dass man dafür die Software "MyScript® for Livescribe" kaufen muss. 29,90 Euro später kann man aus Livescribe Desktop mit drei Klicks handgeschriebene Notizseiten in Text umwandeln. Das Ergebnis lässt dabei aber zu wünschen übrig:
- Der Stift scheint nicht alles zu erkennen, was während des Interviews mitgeschrieben wird, d.h. es gibt eine Abweichung zwischen den handschriftlichen Notizen im Notizbuch und deren Darstellung am Rechner (z.B. Wortendungen oder obere Kanten von Buchstaben fehlen).
- Teilweise werden ganze Seiten als wildes Gekrakel dargestellt (siehe Bild unten), obwohl die Schrift im Notizbuch deutlich lesbar ist.
- Bei den Textbestandteilen, die übrig bleiben, interpretiert die Texterkennung zusätzlich zum Teil ganz neue Worte.
Die mangelnde Texterkennung scheint immer dann zu entstehen, wenn man über die Linien hinaus (d.h. zu groß) oder aber zu schnell schreibt. - An beidem kann man arbeiten, wobei ein Minimum an Geschwindigkeit in einem qualitativen Interview von Vorteil ist. Das teilweise entstehende wilde Gekrakel hängt - laut Aussage des Supports - weder mit den Lichtverhältnissen während des Interviews noch mit der durch die fehlende Griffmulde schwierig gerade zu haltende Ausrichtung des Smartpens zusammen, sondern mit Staub. Kleine Fussel oder Ähnliches an der Spitze des Smartpens können diesen verwirren. - Leider stellt man ein solches Stäubchen und seine Folgen meist erst dann fest, wenn man wieder am Rechner sitzt. Eine Kappe für den Stift (statt einer gefütterten Hülle) könnte einen Fusselbefall jedoch reduzieren. Die Interpretationsfreude der Texterkennung wiederrum kann man - laut der Software - durch die Pflege des Wörterbuches reduzieren. Das klappt jedoch leider nur begrenzt und ist ziemlich aufwändig.
Langfristig betrachtet kommen auf den Anwender zudem weitere Kosten durch die kleinen Minen und den erforderlichen Neukauf oder eigenen Ausdruck des Punkt-Papiers zu. Der eigene Ausdruck des Papiers klingt verlockend, muss jedoch auf Farbe erfolgen und führt dazu, dass man in die Interviews eine Ansammlung loser Blätter mitnimmt. Entsprechende Ergänzungen zum Smartpen (von hochwertigen Leder-Etuis bis zu Mappen für Smartpen, Blätter und Blöcke) gibt es aber natürlich längst zu kaufen.
Fazit
Neben dem Fakt, dass der Smartpen sehr professionell aussieht, besticht er vor allem mit den am Ende auf dem Rechner durchsuchbaren Notizen mit ihren Verknüpfungen zum Audio. Schade, wenn das wegen der "Stauballergie" des Smartpens nicht auf allen eingelesenen Seiten möglich ist.
Insgesamt kann man mit dem Ergebnis, wenn man den bisher bestehenden Workflow zur Durchführung und Nachbereitung von Interviews noch etwas anpasst, sicher leben. Man sollte sich jedoch darüber im Klaren sein, dass die Qualität der am Ende vorliegenden Gesprächsprotokolle nicht mehr dieselbe ist wie zuvor: Denn niemand korrigiert im Nachhinein alle Rechtschreib- und Interpretationsfehler des Smartpens oder formuliert eilige Mitschriften in leichter verständliche Notizen um. - Schließlich hätte man die Inhalte des Interviews dann schneller selbst am Rechner abgetippt.
Kategorien
- Apple (3)
- D-Networking (4)
- Date/Events (3)
- Design Forschung (4)
- FAQ - Keywords (3)
- Informationsvisualisierung (4)
- Interaction Design (17)
- iPhone (3)
- Marketing (4)
- Prototyping (2)
- Social Media (4)
- Software Tools (3)
- UI Development (4)
- Usability (9)
- User Research (18)
