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Von: Norma Junge

8.12.10

Blog Diaries – Schlüsselloch zum Nutzer

Die Nutzung von Blog- Diaries gehört heute noch zu den weniger genutzten  Forschungsmethoden aus dem "Usability-" Bereich. Entwickelt haben sie sich aus ethnographischen Methoden wie "Cultural Probes", Tagebüchern ("Diaries") oder Collagen.

Der Proband hat mit diesen Techniken die Möglichkeit aktiv und die aus seiner Sicht wichtigsten Informationen aus seinem Umfeld über ein Produkt, Erlebnis oder einfach nur seinen Alltag im angegeben Medium (wie Papier oder elektronisch) weiterzugeben. Er gibt damit Aufschluss über seine Umwelt, seine Erfahrungen und Eindrücke, Dinge, die ihn bewegen, Interaktionsmuster, Bedürfnisse oder einfach nur Impulse zu neuen Ideen.

Nachteil dieser Methode war bisher, dass der Erhebungsprozess nicht einsehbar ist. Die Probanden bekommen zwar eine entsprechende Einweisung in die Aufgabe, erfüllen diese jedoch oft allein bis zur Abgabe der Unterlagen. Auch wenn, je nach Zielstellung und Methode eine Überprüfung mehrmals in im Prozess erfolgt, so war bisher vor allem der Auftraggeber bei der Untersuchung ausgeschlossen.

Im Gegensatz zu ihren Gegenstücken auf Papier, gibt der Blog Diary jederzeit die Möglichkeit die Entwicklungen und Kommentare zu einer Fragestellung zu beobachten und zu begleiten. Der Forscher und damit auch der Auftraggeber können selbst neue Impulse einzubringen und vertiefende Nachfragen an einzelne Personen zu stellen.  

Innerhalb eines Produktzyklus können so schnell erste Erkenntnisse zu wichtigen Fragestellungen gewonnen und unmittelbar in neue (Produkt-)Entwicklungen mit einbezogen werden, um den Entwicklungsprozess nutzerorientiert voranzutreiben. Gleichzeitig würde damit auch die frühe Einbindung des Kunden erfolgen (wie im Blog- Beitrag "World Usability Day, Berlin 11.11.2010" gefordert) und eine damit verbundene Sensibilisierung für die Bedürfnisse der Nutzer ermöglicht werden.

Nachteile von Online- Tagebüchern waren jedoch bisher immer der Aufwand und die begrenzten Möglichkeiten Informationen nur über Text und Bild (und das teilweise sehr umständlich) darzustellen.



Tumblr

Neue kostenlose Online- Dienste wie Posterous, Soup oder auch Tumblr bieten durch die Kombination und Integration von Texte, Bildern, Zitaten, Chatlogs, Links und Video- bzw. Audiodateien individuelle und einfache Möglichkeiten Stimmungen, Emotionen und Eindrücke zu einem Produkt oder Idee zu kreieren und einzufangen. Der Nutzer kann sich in allen Formen ausdrücken, die ihm sonst auch offline zur Verfügung stehen. Besonders die Einfachheit der Anwendungen wird von den Anbietern immer wieder betont. So stellen einfache Eingabeformulare und Bedienungen kein Hindernis für technisch nicht so versierte Probanden dar.  

Alle Dienste sind zudem nicht nur via Web sondern auch über Apps für iPhone, Android und sogar Blackberry (zumindest. Tumblr) zu erreichen. Der Tester kann seine Eindrücke auch per E-Mail posten oder telefonisch veröffentlichen (letztes funktioniert bei Tumblr allerdings nur über eine Nummer in den USA).  

Damit öffnet die neue Form des Microbloggins noch weiter die Grenzen des Blog- Diary. Probanden können, sofern sie über die notwendige Technik verfügen, direkt aus dem Nutzungskontext heraus Informationen weitergeben (vom Arbeitsplatz oder außerhalb des heimischen Computers zum Beispiel). Eine Weitergabe der Informationen kann direkt während des Erlebnis oder der Nutzung eines Produktes erfolgen, wenn die Eindrücke noch präsent und relative unverfälscht sind.  

Einziger Wermutstropfen bleibt auch bei den Blog- Diaries die Auswertung. Zum Beispiel, um ein komplexes Bild über eine Produktnutzung zu erhalten, muss der gesamte Informationsinput gesichtet und in den richtigen Zusammenhang gesetzt werden, was wiederum eine gewisse Zeit und die Kombination ergänzender Methoden wie Gruppendiskussionen erfordert. Der Mehrwert der generierten Informationen und der direkte Draht zum Konsumenten scheint jedoch den Zeitfaktor aufzuwiegen.  

Angewandt als Methode können die individuellen Blog-Diaries, vor allem die neuen Microblogging-Formen, einen Bereicherung in der Produktentwicklung sein, indem Nutzer ihr Nutzungsverhalten in Bezug auf bestimmte Medien oder Produkte beschreiben, so dass das zu testende Produkt oder Fragestellung im angemessen, realen Kontext betrachtet werden kann. Desweiteren können sie Informationen über Praxistauglichkeit und Stellenwert der Produkte in der Alltagswelt liefern, und zugleich aber auch neue, innovative Verwendungskontexte bzw. Potentiale aufdecken.

Kategorie: Social Media, User Research, Usability