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Von: Ireen Weise, Norma Junge

15.11.10

World Usability Day, Berlin 11.11.2010

 

Unter dem Motto "mobile communication" fand am 11.11.2010 der World Usability Day Berlin im Technologiepark Adlershof statt. Die Begrüßung und Einführung, sowie die weitere Moderation des Vormittages erfolgte durch Paul Chojecki.

Die Keynote "WIE MOBILE IST USABILITY?" wurde von Henning Fritzenwalder von Nokia gate5 gehalten, in der grundlegende Aspekte von "mobile" Usability zusammengefasst wurden: verstärkte Einbindung des Nutzungskontextes, agiles Arbeiten in interdisziplinären Teams, mehr Innovationsförderung durch aktive Usabilityforschung und die Beachtung interkultureller Einflüsse.

Auch wenn es methodisch gesehen keine neuen Erkenntnisse gab, stand die Frage nach der Wichtigkeit vom Usability für den Nutzer von mobilen Produkten im Raum. Laut einer neuen Studie nimmt Usability lediglich den vierten Platz in der Wichtigkeit für den Kauf von mobilen Produkten ein. Der "duldsame" Nutzer resultiert zum einen aus der Gewissheit in zwei Jahren ein neues Produkt zu erwerben und aus der Annahme, dass mobile Produkte immer komplizierter in der Anwendung sind. Konsequenterweise argumentieren daraufhin Kunden, dass nicht die Verbesserung der Usability den Gewinn ihrer Produkte steigert, sondern eher eine Investition in Marketing, Design und Image. Zu Fritzenwalder's Forderung nach einer Veränderung der "mobilen" Usability, ist der Hinweis hinzuzufügen, dass Usability allein nicht den Produkterfolg ausmacht. Was Nutzer wirklich anspricht, ist die User Experience. Usability ist ein großer Bestandteil dieses Konzeptes. Indem man mobile Produkte an die Bedürfnisse der Nutzer anpasst, steigen die Erfolgschancen eines Produktes um ein beträchtliches Maß. - Diese Produkte werden dann vielleicht nicht nach zwei Jahren aussortiert.

Wie man speziell Kunden für Nutzerbedürfnisse und Anforderungen sensibilisiert, zeigte der erste Vortrag "DAS USABILITY-LAB IN ZEITEN VON MOBILE DEVICES" von Jens-Christian Jensen (Pixelpark).

Jensen stellte zwei Leitsätze seiner Arbeit bei Pixelpark dar: Zum einen muss der Anwender das Produkt brauchen und es verstehen, zum anderen muss der Kunde überzeugt sein, dass das Produkt dazu in der Lage ist. Neben dem qualitativen Schwerpunkt und der technischen Umsetzung in der Erhebung mit dem Nutzer ist vor allem die Integration des Kunden in den Validierungsprozess interessant. Die in der Keynote angesprochene Herausforderung, die Erkenntnis beim Kunden zu schaffen, was Usability für einen Nutzen für ihn und das Produkt hat, ermöglicht Pixelpark durch eine indirekte Teilnahme des Kunden an der Validierung. Diese Möglichkeit ist durch ein Testlabor gegeben, wo der Kunde den Nutzer direkt beim Testen der Anwendung beobachten kann. Dadurch gewinnt er, laut Jensen, ein realistischeres Verständnis für den Nutzen von Usability, er kann die Produktempfehlungen in den richtigen Kontext setzen und letztendlich die besseren Entscheidungen treffen. Eine stärkere Integration des Kunden in den gesamten User Center Design Prozess ist daher zu empfehlen, denn oft scheitern gute Konzepte am Unverständnis der Kunden und verschwinden in der Schublade.

Unser persönliches Highlight des World Usability Day Berlin war der zweite Vortrag "INTUITIVE BENUTZUNG, IMAGE SCHEMAS UND INKLUSIVES DESIGN" von Jörg Hurtienne. Er gab gleich zu Beginn seines Vortrages bekannt, was man aus diesem mitnehmen soll: 1. Vertraute User Interfaces sind nicht besser - eine These, die im folgenden Teil des Vortrages auch mit den Ergebnissen eines Experimentes unterlegt wurde. Der 2. Punkt lautete: Hören Sie dem Benutzer genau zu und gestalten Sie, was er sagt - und das war wortwörtlich gemeint! Image Schemas sind abstrakte Repräsentationen, die auf der Ebene von Sinneserfahrungen gewonnen werden. Ein solcherart in einem Interface verwendetes Image Schema müsste nicht nur kulturell übergreifend, sondern auch von bspw. jüngeren und älteren Benutzern gleichermaßen verstanden werden (daher auch das "Inklusive Design" im Titel des Vortrages). Ein Beispiel für ein Image Schema ist "more is up, less is down", was dazu führt, dass der Schieberegler für den Lautsprecher nicht beschriftet werden muss, da man intuitiv weiß, dass der Ton lauter wird, wenn man den Regler nach oben schiebt bzw. leiser, wenn man ihn nach unten schiebt. Aus einer Kombination mehrerer solcher Schemata, die direkt aus den in Interviews verwendeten Worten abgeleitet wurden, entstand ein überraschend intuitives Interface für eine Heizungssteuerungseinheit, das von den Testpersonen als deutlich besser (mehr Kontrolle, höhere Zufriedenheit etc.) bewertet wurde als das bisher verwendete (d.h. vertraute!) Interface.

Nach diesem Vortrag war der 3. Punkt, den die Zuhörer mitnehmen sollten, leicht zu erfüllen: Probieren Sie Image Schemas mal aus.

Nach dem Mittagessen ging es mit "NAVIGATION IN NACHRICHTEN-APPS FÜR iPad & CO." von Christoph Schwab (Goldmedia) in den dritten Vortag. Interessant waren einige zu Beginn gezeigte Studien zur bisherigen Verbreitung und Nutzung von News-Apps, z.B. haben von 500 iPad-Nutzern in den USA bisher 32% noch keine App heruntergeladen. Danach wurden verschiedene Nachrichten-Apps in vier verschiedene Navigations-Archetypen eingeordnet: Apps, die der Printmetapher folgen, ermöglichen das Blättern (wie in einem Buch), verwenden Metaphern wie Bücherregale und Lesezeichen. Ein Beispiel, wenn auch eigentlich keine Nachrichten-App, ist dabei iBooks. Bei der Onlinemetapher (u.a. bei N24 zu finden) wird dagegen vertikal gescrollt und es gibt ein Menü. Hybride (z.B. Handesblatt) verbinden Elemente von Print- und Onlinemetapher. Die neuen Formen (z.B. bei Wired) ermöglichen horizontales Wischen zwischen den Artikeln, vertikales Scrollen, sind oft multimedial und animiert. Diese neuen Formen werden (zumindest unter den kostenpflichtigen Apps) am besten bewertet: Der Nutzer will schließlich etwas für sein Geld bekommen.

Im weiteren Teil des Vortrages ging Schwab auf die Ergebnisse einer qualitativen Studie zur Usability von News-Apps ein, die verschiedene Usability-Probleme in die Kriterien der DIN EN ISO 9241-10 einordnete. Die am Ende zur Diskussion gestellte Frage, ob die großen Unterschiede in der Bedienung der einzelnen Nachrichten-Apps eher hinderlich sind (und gemeinsame Standards erarbeitet werden sollten) oder ob sie ein gewolltes Kennzeichen dieser Apps sind, wurde leider vom Publikum nicht diskutiert.

Auch wenn wir nicht die Zeit hatten, uns alle Vorträge anzuhören, so hat uns dieser Tag doch vor allem eines gezeigt: Im Bereich der mobilen Geräte gibt es bisher keine spezifischen Standards, kaum spezielle und wirklich "neue" Research-Methoden. Aber vielleicht ist das auch gar nicht nötig: Die bisher im Usability-Bereich etablierten Methoden lassen sich unter der Berücksichtigung des mobilen Kontextes genauso gut anwenden und auswerten.

 

Kategorie: User Research, D-Networking, Date/Events, Usability, Marketing