English

zurück zu Blog-Übersicht

Von: Ireen Weise

21.07.10

Interviewpartner in Schubladen - Eine nicht ganz ernst gemeinte Typologie - Teil 2

Nachdem im vorherigen Beitrag die Typen "Der Unwillige", "Die Übereifrige", "Der Kurzangebundene" und "Die Schwatzhafte" vorgestellt wurden, sind heute "Der Angeber", "Die Schüchterne", "Der Sachverständige" und "Die Ahnungslose" dran. Es sei an dieser Stelle noch einmal daran erinnert, dass es sich dabei um die plakative Darstellung einzelner Typen handelt, die weder vollständig noch psychologisch fundiert sind.

 

 

"Der Angeber"

 

"Ich nehme nicht an, dass Sie über... Bescheid wissen?"

Der Angeber denkt, dass er allein sich in seinem Themengebiet auskennt. - Alle anderen sind per se unwissend, aber er ist unter Umständen bereit Ihnen einige grundlegende Dinge zu erklären.

Wie erkennt man ihn?

Auf seinem Tisch stapelt sich die Arbeit ("Das Genie beherrscht das Chaos.") und sein Blackberry (oder neuerdings sein iPhone) bleibt auch während des Interviews in seiner Nähe. Gern schreibt er zwischendurch auch mal eine E-Mail, während er Ihnen gleichzeitig zuhört. Es soll schon Fälle gegeben haben, wo er gleich noch einige Untergebene mit zum Interview geladen hat, die aber letztendlich nicht viel zu sagen hatten.

Wie geht man mit ihm um?

Im Umgang mit dem Angeber gibt es zwei grundsätzlich verschiedene Strategien, die beide ihre Vor- und Nachteile haben: 

  • Entweder man macht "gute Miene zum bösen Spiel", stellt sich dümmer als man bezogen auf die Fragestellung vielleicht ist und lässt sich alles von ihm erklären
  • Oder man zeigt ihm deutlich, dass man auf dem Themengebiet durchaus bewandert ist.

Ersteres hat den Vorteil, dass man so auf jeden Fall viel über das Thema lernen kann. - Immer vorausgesetzt, der Interviewpartner weiß tatsächlich auch so viel darüber, wie er sagt. Gleichzeitig kann es aber auch passieren, dass man als Interviewer nicht ganz ernst genommen wird. Zweiteres ist sicher befriedigender, kann aber auch zu einer endlosen fachlichen Debatte über nicht relevante Themen führen, wenn beide Seiten mit der Menge ihres Wissens glänzen wollen. Der Anteil an neu hinzugewonnenen Informationen ist nach dem Interview dann gegebenenfalls nicht so hoch wie gewünscht.

Am besten erscheint daher eine entsprechende Mischung beider Strategien: "Die Grundlagen kenne ich, aber vielleicht können Sie mir noch einmal erklären, wie das konkret bei Ihnen in der Firma gehandhabt wird." Weg von Allgemeinplätzen und hin zu konkreten Beispielen ist bei Vertretern dieser Schublade ohnehin eine angebrachte Taktik, denn dann kommt man vom Dozieren wieder mehr Richtung eines intensiven Gespräches.

 

 

"Die Schüchterne"

 

"Ich weiß wirklich nicht, ob ich da die richtige Ansprechpartnerin für Sie bin…"

Die Schüchterne nimmt von Vornherein erst einmal an, dass sie aus Versehen angesprochen wurde. Niemand kann schließlich ernsthaft der Meinung sein, dass sie etwas Nennenswertes zu diesem Thema beizutragen hat, denkt sie. Der Interviewer, d.h. Sie, werden am Ende ganz sicher enttäuscht von ihr sein.

Wie erkennt man sie?

Die Schüchterne wirkt insgesamt unsicher und wartet darauf, dass Sie die Führung übernehmen. Sie antwortet langsam und überlegt, beendet ihre Aussagen mit einem Fragezeichen und sagt oft "ich glaube", "ich bin mir da nicht sicher", "vielleicht". Gern schlägt sie auch andere Personen vor, die Sie zusätzlich oder - noch besser - an ihrer statt interviewen könnten.

Wie geht man mit ihr um?

Hier geht es in erster Linie darum, Vertrauen aufzubauen und der Schüchternen zu vermitteln, dass Sie bei ihr goldrichtig sind. Am besten erläutern Sie zu Beginn noch einmal, warum ihr Gegenüber als Gesprächspartnerin ausgewählt wurde und warum Sie sich sicher sind, dass sie viel beizutragen hat.

Versuchen Sie bei Ihren Fragen möglichst auf konkrete Beispiele Bezug zu nehmen, anhand derer die Schüchterne Ihnen einen Sachverhalt erläutern soll: "Wie sind Sie bei der Buchung Ihrer Reise nach München am Montag vorgegangen?" Sollten die einzelnen Schritte schwer zu erinnern sein, dann lassen Sie sich das Vorgehen nach Möglichkeit am Rechner zeigen.

Versuchen Sie die Schüchterne dabei möglichst wenig unter Druck zu setzen. Lächeln, aufmunternde Äußerungen und eine entsprechende Mimik und Gestik helfen, eine möglichst angenehme Gesprächsatmosphäre zu schaffen. Seien Sie dabei jedoch vorsichtig, denn die Schüchterne will es Ihnen recht machen: D.h. hören Sie ihr aufmerksam zu und stellen Sie Ihre Fragen ohne Antworten zu implizieren oder in irgendeiner Art anzudeuten, was Sie gern hören möchten.

 

 

"Der Sachverständige"

 

"Moment, ich zeig Ihnen das mal kurz..."

Der Sachverständige ist ein - allseits anerkannter - Experte auf seinem Gebiet, dabei aber gleichzeitig zurückhaltend und unaufdringlich.

Wie erkennt man ihn?

Hat man mehrere Interviews in einem Unternehmen, dann hat man seinen Namen vorher schon mehrmals in anderen Interviews gehört. Er ist für viele seiner Kollegen die Anlaufstelle bei Fragen; er ist konzentriert, kompetent, sehr korrekt, ruhig und präzise. Er kann sich in andere Personen/ Kollegen/ Mitarbeiter hineinversetzen und bspw. deren Probleme bei einer bestimmten Tätigkeit/ Anwendung etc. verstehen, spricht aber kaum über seine eigenen Gefühle und Probleme bei der Arbeit.

Wie geht man mit ihm um?

Je nachdem, ob Gefühle und persönliche Bewertungen für das Projekt wichtig sind, muss man den Sachverständigen gegebenenfalls erst einmal etwas aus der Reserve locken. Dabei kann es helfen, wenn man ihn zum Nachdenken über seine Gefühle bezogen auf bestimmte Aspekte anregt. Hat er z.B. eine Reihe von Problemen - ohne eine weitere Gewichtung - genannt, kann man fragen, welches davon ihn am meisten stört, über welches er sich am meisten ärgert.

Dabei sollte man aber gleichzeitig bei der Verwendung von emotional besetzten Begriffen vorsichtig sein, da er diese - korrekt wie er ist - dann gegebenenfalls nicht übernehmen will: "Also ‚ärgern' würde ich da nicht gerade sagen…" Eine andere Strategie kann es daher auch sein zu fragen, was den meisten Aufwand oder die meiste Zeit kostet, wozu es die meisten Fragen von Kollegen gibt etc., denn das sind wieder messbare Faktoren, mit denen der Sachverständige etwas anfangen kann.

 

 

"Die Ahnungslose"

 

"Was genau soll ich jetzt tun?"

Die einfachsten Fragen können immer noch missverständlich sein, das zeigt uns dieser Typus deutlich. Dabei sollte man in einem solchen Moment nicht dem Trugschluss unterliegen, dass das nun zwangsläufig an Ihrem Gegenüber liegt: Fehler in der Rekrutierung (z.B. falsche Ansprechpartnerin) oder bei der Vorbereitung des Interviews (z.B. unzureichende Information über den Inhalt des Interviews etc.) sind weit verbreitete Auslöser für eine solche Ahnungslose.

Wie erkennt man sie?

Die mit "Die Ahnungslose" überschriebene Gesprächspartnerin ist aufgeschlossen und bemüht, aber entweder wirklich die falsche Ansprechpartnerin für das gewünschte Thema oder sie missversteht die Fragestellung und gibt deshalb "falsche" oder irreführende Antworten ohne es zu bemerken.

Wie geht man mit ihr um?

Erster Leitsatz ist es, Fragen so zu stellen, dass sie möglichst eindeutig sind und sie bereits bei der Erstellung des Interviewleitfadens entsprechend zu formulieren. Wird eine Frage nicht richtig verstanden, dann kann sie näher erläutert oder auf eine andere Art und Weise gestellt werden. Zudem sollten Sie zu Beginn jedes Interviews - egal welcher Typus Ihnen gegenüber sitzt - das Ziel des Gespräches erklären. Darauf kann dann während des Gespräches bei Bedarf auch noch einmal Bezug genommen werden.

Sollte es sich bei Ihrem Gegenüber jedoch wirklich um die falsche Ansprechpartnerin handeln, dann versuchen Sie herauszufinden, wer die Richtige ist und wie Sie diese erreichen können. Bedanken Sie sich für die Zeit, die sie Ihnen zur Verfügung gestellt hat und entschuldigen Sie sich für die Unannehmlichkeiten. Ist die Gesprächspartnerin eigentlich die Richtige, aber alle Fragen werden falsch verstanden, dann sollten die Ergebnisse aus dem Interview mit einer "Ahnungslosen" entweder gesondert betrachtet oder ausgeklammert werden.

 

 

Zusammenfassung

 

Wie aufmerksame Leser sicher festgestellt haben, sind die vorgestellten Typen bereits als Gegensatzpaare angeordnet:

  • "Der Unwillige" und "die Übereifrige" unterscheiden sich im Ausmaß der Motivation, die sie zum Gespräch mitbringen;
  • "Der Kurzangebundene" und "die Schwatzhafte" sind durch die Menge der gesprochenen Worte klar voneinander zu differenzieren;
  • "Der Angeber" und "die Schüchterne" trennt dagegen die Selbst(un)sicherheit;
  • "Der Sachverständige" und "die Ahnungslose" zeigen beide Enden in der Dimension "Kompetenz bei der befragten Thematik".

Sie stellen damit die Extreme auf verschiedenen Achsen dar, die sich in der Mitte beim "idealen Interviewpartner" treffen könnten - wenn es diesen denn gäbe.

Letztendlich ist es Aufgabe des Interviewers aus jedem Gespräch das Beste "herauszuholen": Indem er…

  • … motiviert oder Motivation in die richtigen Bahnen lenkt;
  • … nachhakt oder dirigiert;
  • … konkretisiert oder an die Hand nimmt;
  • … Informationen aufnimmt, nach weiteren Ansprechpartnern fragt.

Was man dabei in jedem Interview - egal welcher Schublade der Interviewpartner vielleicht angehört - berücksichtigen sollte, das ist Thema des nächsten Beitrages.