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Herbe Kritik und Begeisterungsstürme zum iPad: Was bleibt von der Revolution?
Das neue iPad ist im Handel! Und für Sommer ist die Präsentation des (deutschen!) WePad geplant. Zwei Devices, die uns eine neue Dimension von Browsen, Lesen (und Arbeiten) versprechen.
Zum iPad existiert mittlerweile eine Flut von Testberichten, in denen sich, grob gesagt, zwei Lager gegenüberstehen: die einen beklagen mangelnde Ausstattung und Ausbaufähigkeit, die anderen lieben das Interface und die einfache Bedienung.
Konsequenterweise hat David Pogue in der New York Times gleich zwei Rezensionenen zum iPad geschrieben. Eine für Techies ("This device is laughably absurd") und eine für alle anderen ("This truly is a magical revolution").
Als Interface-Designer liegt mir die zweite Ansicht näher. Denn was aus meiner Sicht das iPad revolutionär macht, sind nicht technische Ausrüstung und Anzahl der Schnittstellen - sondern die User Experience. Und da ist das iPad definitiv eine "neue Welt".
Was ist wirklich neu am iPad?
Ganz einfach: es ist größer! ;-) Das ist ein gravierender Unterschied, weil es ganz anders gebaute Interfaces zulässt.
Wie beim iPhone ist der Plan, das iPad durch tausende von Apps erst richtig mächtig werden zu lassen - und für die Gestaltung von Interfaces auf dem neuen iPad gibt es vielversprechende neue Rahmenbedingungen.
1. Endlich die richtige Proportion von Mensch und Tool
Ich glaube, es wird nicht lange dauern, und wir werden uns fragen, warum man bestimmte Aufgaben früher einmal an solch fitzelig kleinen Geräten wie einem Mobiltelefon ausgeführt hat. Wenn man bedenkt, dass ein iPhone im wesentlichen aus dem gleichen Abstand betrachtet wird und man die gleichen Hilfsmittel für Eingaben - nämlich seine eigenen Finger - benutzt, erscheint bereits das iPhone für bestimmte Dinge einfach nicht mehr passend. Oder das iPad endlich passend. Auf dem iPad können für Interaktionen Dimensionen gewählt werden, die unseren Fingern entsprechen.
Unsere Finger stehen also in einem deutlich besseren Verhältnis zu den neuen Dimensionen der Arbeitsfläche. Das schafft neue Möglichkeiten für die Arbeitswerkzeuge. Als Interaction-Designer können wir wieder stärker in Werkzeugen denken - nicht alleine in Knöpfen und Buttons.
2. Gesten statt Buttons
Wie viele neue Tools in der letzten Zeit kommt das iPad mit Multi-Touch/Multi-Finger-Control. Das bedeutet, dass das iPad statt Mouseclicks Tippen mit den Fingerspitzen interpretiert - und zwar von mehreren Fingern, von sogar mehreren Benutzern gleichzeitig. Erst im Februar hat sich Apple ein Patent auf seinen "Multi-Point-Touchscreen" gesichert. Das ermöglicht die Interaktion mithilfe von Gesten. Man denke an das "Zoomen" mit zwei Fingern auf dem iPhone. Denkbar sind noch viel mehr Einsatzmöglichkeiten von Gesten.
Ein Beispiel: Heute beinhalten viele Interaktionsschritte das Dreigestirn der Antworten "Ja", "Nein" und "Abbrechen" als Optionen. Morgen könnten diese durch drei Gesten ersetzt werden.
Der große Vorteil von Gesten ist, dass sie nicht mehr zwingend an einen bestimmten Platz gebunden sind. Heute erkennen Interfaces durch die Position der Eingabe die Antwort des Users. Morgen erkennen Interfaces durch die Form der Eingabe die Antwort. Somit ist es egal, wo auf dem Touchscreen die Eingabe geschieht. Das Arbeiten wird intuitiver, weil die Suche "Wo ist der Button?" entfällt.
3. Neue Dimensionen für Teamwork
Apple ruft die Entwicklergemeinde wie beim iPhone dazu auf, eigene Apps zu entwerfen, die das Potenzial des iPad erst richtig zur Entfaltung bringen werden. Für das iPad lautet die Ansage: denkt darüber nach, auf welche Weise man Apps gemeinsam mit anderen nutzen könnte - bezogen auf Daten aber auch auf die physische Nutzung des iPads. Anders formuliert: das iPad soll Zusammenarbeit am Rechner neu definieren. (siehe iPad Human Interface Guidelines)
Und man denkt sofort an den guten alten DIN-A4-Block, auf dem man gemeinsam Texte entworfen oder Zeichnungen verfeinert hat. Vielleicht lohnt es sich, sich das noch einmal zu vergegenwärtigen. Der Spaß an Zusammenarbeit liegt nur zum Teil im gemeinsamen Ergebnis. Den anderen Teil macht die Freude durch eigenen Input und die Reaktion des Gegenübers aus. Und dazu muß ich diese Reaktionen des Gegenübers möglichst direkt beobachten und nachvollziehen können.
Also nicht 1) etwas tun 2) es in eine Black-Box senden 3) warten und 4) aus der Black Box einen neuen Stand entgegennehmen - wie heute Zusammenarbeit vielfach definiert wird, nämlich an getrennten Geräten und über das Internet. Sondern Zusammenarbeit live erleben.
Ich bin sehr gespannt, wann wir für das iPad die ersten Interfaces sehen, die wirklich darauf ausgelegt sind, dass man zu zweit, im Team an einem iPad arbeitet. Zum Beispiel mit Steuerelementen, die von zwei Seiten aus zu bedienen sind.
Vielleicht werden die Tools nichts weiter tun, als ein Stück Papier ersetzen. Aber ganz ehrlich: dieses einfache Ziel hat heute noch kein Werkzeug und keine App wirklich erreicht.
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